Eine (Um-)Frage der Musik

Gönnen wir uns folgenden Ausriss aus einer Geschichte, an der ich grade schreibe.

“Sie können hier anhalten”, sagte sie zum Fahrer, der daraufhin das Cab am Straßenrand zum Stehen brachte. Eve öffnete die Tür an ihrer Seite, stieg aus und drehte sich schließlich um. “Wie ich schon sagte”, begann sie zögernd. “Es tut mir leid, dass ich mich wie ein Idiot benommen habe. Wenn… wenn ich das die Tage vielleicht irgendwie gut machen kann, ich kann dir meine Telefonnummer geben…”

“Wie wäre es mit Kaffee?” antwortete er ohne über seine Worte nachgedacht zu haben, und er wunderte sich einen Moment lang über sich selbst.

Sie zuckte mit den Schultern und erwiderte: “Warum nicht? Wir können uns gerne irgendwann treffen…”

Er rutschte auf die andere Seite der Rückbank, näher an die geöffnete Tür. “Nein, du hast mich falsch verstanden. Ich meine wie wäre es jetzt mit einem Kaffee?”

Einen Augenblick wirkte sie widerwillig. “Nur über meine Leiche kommt in meinen Haushalt Kaffee”, sagte sie schroff. Doch dann lächelte sie sanft. “Tee?”

Innerlich schüttelte er den Kopf über diese junge Frau, die von einer Sekunde auf die nächste zur Furie und dann wieder zum sanften Lamm werden konnte. Aber um seine Entscheidung zu treffen benötigte er keine Sekunde. Er bezahlte den Taxifahrer und stieg aus dem Wagen. Sie standen vor dem Eckhaus einer Klinkerhauszeile in der Moxon Street. Linker Hand sah er nicht viel mehr als Bäume. Er drehte sich um und lachte kurz, bevor er mit dem Finger die Straße hinunter zeigte. “Das ist doch…”

“Ja”, erwiderte sie während sie in ihrem Mantel nach dem Schlüssel suchte. “Working Title.”

“Schau an, da war ich erst letzte Woche”, sagte er immer noch grinsend. Erst als er das Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels vernahm, drehte er sich wieder dem Haus zu und beeilte sich, die Stufen zum Eingang hinunterzusteigen. Hinter Eve stieg er dann eine schmale Treppe hinauf, die unter seinen Schritten leise knarzte. Am oberen Ende der Stufen und im obersten Geschoss des Hauses angekommen drehte sich Eve abrupt zu ihm um, so dass er fast in sie hineingerannt wäre. Er hielt sich an den Wänden fest und stoppte gerade noch rechtzeitig.

“Ich muss dich warnen, es ist vielleicht nicht aufgeräumt.”

“Das dürfte wohl kein Problem sein”, antwortete er grinsend und schaute in ihre Augen, die im schummrigen Licht mysteriös dunkel erschienen. Eine merkwürdige Euphorie machte sich in ihm breit. Er beobachtete Eve, während sie die Tür aufschloss und nach dem Lichtschalter griff. Warmes Licht kaum aus der Wohnung, und er wollte sie gerade betreten, als sich die junge Produktionsassistentin in seinen Weg stellt. Sie war plötzlich über einen Kopf kleiner als er selbst, und es dauerte einen Moment bis er begriff, dass sie ihre Schuhe ausgezogen hatte.

“Mit Schuhen kommst du hier nicht rein”, sprach sie in einem amüsierten Befehlston, bevor sie sich umdrehte, ihren Mantel auszog und auf einen Haufen aus Jacken warf, der sich auf einem Schaukelstuhl rechts der Tür türmte. Er grinste breit, als er bemerkte, dass sie immer noch das sackförmige Micky-Maus-Shirt trug, das formlos und viel zu groß jegliche Kontur ihres Körpers versteckte.

Nachdem er die Schuhe von den Füßen gestreift hatte, trat er in das geräumige Einzimmer-Appartement, das äußerst spartanisch eingerichtet war. Der längliche Raum teilte sich im Wesentlichen in Küche und Schlafecke auf. Neben einem großen Kühlschrank befanden sich an der linken Seite des Raums ein moderner Herd, Geschirrspülmaschine und Spüle. Ein Block mit einer Arbeitsfläche, auf der schiere Tonnen an Obst und Gemüse lagen, trennte den Kochbereich optisch vom Rest des Zimmers; davor stand eine Couch. Gegenüber des Eingangs waren einige Fenster, seitlich davon nahm ein breites Bett mit zerwühlter Wäsche die Zimmerhälfte ein, eine Tür führte vermutlich in ein viel zu kleines Badezimmer ohne Fenster. Rechts befanden sich nicht mehr als einige Umzugskisten, die unordentlich an die Wand gestapelt waren. An der Wand selbst hing die größte Sammlung an Erinnerungsstücken, die er jemals in seinem Leben gesehen hatte.

Er runzelte die Stirn, schloss die Tür hinter sich und wandte sich sofort dem Sammelsurium aus Eintrittskarten, Bildern, Armbändern, Ausdrucken, Fotos und jeder Menge anderem Kram zu.

“Tut’s ein Earl?”

“Ja ja”, erwiderte er abwesend. Sein Blick fiel auf Tickets für Kinos und Konzerte. Ein paar Bands waren dabei, die er nicht kannte. Ein paar andere Namen waren ihm sehr wohl vertraut: Massive Attack, U2, Coldplay, Travis, Runrig… “Everything But the Girl! Warst Du in Hull?”

“Ich war auf so ziemlich jedem Konzert, das mich interessierte”, kam es aus der Küchenecke, bevor es schepperte und Wasser rauschte. Da waren außerdem viele Fotos mit fremden Gesichtern, Flugtickets zu Reisen nach Frankreich, Irland und in die Schweiz, sogar ein Trip nach New York war wohl mal drin gewesen. Abrisse von Schlittschuh- und Rollschuhbahnen, Fetzen aus Comics, selbstgemalte Bilder, hier und dort ein Ausschnitt aus Gedichten.

Jede Menge Eintrittskarten für Theaterstücke. Wir könnten uns schon häufiger über den Weg gelaufen sein… Zeitungsausschnitte aus dem Guardian und dem Telegraph. Schlüsselbänder, Prospekte, Zettel mit Nummern. Gute Güte Mädchen, man könnte meinen, du hättest ein halbes Leben Showbiz hinter dir. Eines fiel ihm aber sehr wohl auf: die Daten auf den vielen Tickets lagen höchstens sieben Jahre in der Vergangenheit. Keine Kinderbilder, keine Fotos von der Familie, so machte es den Anschein. Kaum Erinnerungsstücke aus Wales. Und aus ihrem starken Dialekt hatte er schon bei ihrem ersten kurzen Aufeinandertreffen geschlossen, dass sie aus der Ecke kommen musste.

Er drehte sich zu den Umzugskisten links von ihm und schob unbewusst die Hände in die Taschen seiner Jacke, die er immer noch nicht ausgezogen hatte. “Bist du erst vor kurzem eingezogen?” fragte er.

“Wie man es nimmt”, kam es als Antwort. “Vor vier Jahren.”

“Nicht die Zeit gehabt alles auszupacken, wie?” Er erwartete keine Antwort. Aber als er sich umdrehte fiel ihm endlich auf, dass er seine Lederjacke ausziehen könnte. Und das Jackett, das er darunter trug, gleich mit. Vorsichtig drapierte er beide Kleidungsstücke auf dem Jackenhaufen. Durch das zusätzliche Gewicht neigte sich der Schaukelstuhl gefährlich nach vorne, stabilisierte sich dann aber. “Wo kommst du her?” fragte er, während er seinen oberen Hemdsknopf öffnete.

“Cardiff.”

Er drehte zu ihr um und wollte etwas sagen, doch er blieb stumm, als plötzlich Musik aus den Boxen der Anlage kamen, die beim Sofa stand. Es dauerte nur wenige Takte bis er Muse erkannte. Er liebte Muse. Und es benötigte nur wenige Takte mehr, bis er das Lied identifiziert hatte: XX.

Preisfrage: Was ist XX?

Zur Situation: Die Szene spielt 2002, bis dato gibt es also nur Showbiz und Origin of Symmetry von Muse. Ich war bislang zu faul und zu geizig, mir Showbiz zu kaufen (PS: diesen Missstand habe ich inzwischen behoben), deswegen wollte ich ein Lied vom zweiten Muse-Studioalbum haben. Das Lied darf provokativ, laut, aggressiv, aufdringlich sein. Es geht nur darum: Welches Lied veranlasst diesen Mann, der sich in einer Wohnung einer Fremden befindet, die er an dem Tag zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hat, zweifelhaft moralische Wertvorstellungen über Bord zu werfen und alles dafür zu tun, dass er in dieser Nacht mit dieser Dame in der Kiste landet?

Aus dem Grund dürfen meine drei treuen Fans – und jeder der sonst so will – an der Meinungsfindung teilhaben! Zu meinen drei ursprünglichen Titeln kommen noch die Vorschläge von @Gizbert (Feeling Good) und @Cubus68 (Megalomania). (Der @manuels wird jetzt furchtbar beleidigt sein, weil ich Uno und Sunburn nicht mit in die Liste aufgenommen habe…) Zur Veranschaulichung kann man sich die Lieder hier noch einmal anhören. Bevor abgestimmt wird, wären also rund 30 Minuten Lauschpause angesagt!

Citizen Erased

Plug in Baby

Bliss

Feeling Good

Megalomania

Und weil ich das auch dolle finde:

Screenager

Go nuts!

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