Once Upon A Time – Staffel 1

Was wäre, wenn Märchen- und Fantasiegestalten wie Schneewittchen, Gepetto, Rumpelstilzchen, Aschenputtel und Freunde aus dem Märchenreich gerissen und in eine US-Kleinstadt unserer Zeit verwunschen würden? Was wäre, wenn die Figuren dort wie ganz normale Menschen lebten, wenn sich jede von ihnen vielleicht ein bisschen wie ihr Märchen-Selbst verhielte, aber nie auf die Idee käme, in Wahrheit in der falschen Welt zu leben?

“Das wäre eine fantastische Geschichte für eine TV-Serie”, ist vermutlich nicht die naheliegendste Antwort auf diese Fragen. Und ich bin mir derzeit (Stand bei Erscheinen dieses Beitrags: 9/22 Folgen der ersten Staffel) auch nicht sicher, wie stark das Wort “fantastisch” abzuschwächen ist, aber mindestens “ordentlich” ist sie, die ABC-Serie »Once Upon A Time«, maßgeblich produziert von Adam Horowitz (unter anderem Lost) und Edward Kitsis (auch unter anderem Lost).

Ich schwindelte übrigens nicht am Anfang des Textes – »Once Upon A Time« erzählt tatsächlich von Märchenfiguren, die ihrer Erinnerungen beraubt in der falschen Welt festsitzen. Die böse Königin des Märchenreichs nämlich, so die Vorgeschichte, verpasste der Hochzeitszeremonie von Schneewitchen und Prinz “Charming” (ja, Prinz Charming) einen mächtigen Dämpfer, indem sie der versammelten Fabel-Schar ein Leben in einer gar schrecklichen Welt ohne Happy End prophezeite. Der Fluch gelang dann auch eine nicht genannte Zeitspanne später. Schneewittchen brachte gerade ihre Tochter Emma zur Welt, die auf den Rat einer tiefdekolltiert herumschwirrenden Fee hin prompt in einem aus magischem Holz geschnitzten Schrank in Sicherheit gebracht wurde.

Selbst wer mit Märchen zwar ein bisschen, aber nicht so richtig viel anfangen kann und bis hierhin das Wort tiefdekolltiert am spannendsten fand, kann mit »Once Upon A Time« seinen Spaß haben. Die Haupthandlung spielt nämlich im gar nicht so märchenhaften US-Städtchen Storybrook, in das die als Waise aufgewachsene und sich als Einzelgängerin durchs Leben schlagende Emma von ihrem Sohn geschleppt wird, den sie kurz nach der Geburt zur Adoption freigab und der schließlich als Adoptiv-Zögling der bösen Königin endete. Die heißt jetzt Regina Mills und ist Bürgermeisterin von Storybrook, wo sich Schneewittchen als Lehrerin durchschlägt, wo Aschenputtel als Haushaltshilfe arbeitet … und so weiter. Nur Emmas Sohn Henry scheint die wahre Geschichte rund um den Fluch zu kennen und will ihn brechen – mit Emmas Hilfe.

Die Autoren von »Once Upon A Time« verzichten zum Glück darauf, ein großes Familiendrama zwischen Emma, Henry und Regina zu inszenieren. Stattdessen erzählen die Folgen größtenteils Geschichten über die einzelnen Charaktere, verweben einigermaßen clever Geschehnisse in der “realen” Welt mit Rückblenden in den Märchenwald. Währenddessen formt sich stetig präsent ein interessanter “wer spielt hier eigentlich welche Rolle”-Verschwörungs-Plot, der bei der Stange hält. Getragen wird das Ganze von keineswegs herausragendem aber durch die Bank ordentlichem Schauspiel. Erwähnenswert ist da unter anderem der Breaking-Bad-Guckern bekannte Giancarlo Esposito, der gelegentlich das Spieglein an der Wand gibt. Robert Carlyle spielt ein wenig Gollum-esque das Schlitzohr Rumpelstilzchen. Die Zeichnung des Charakters gerät zwar teilweise arg klischeehaft – aber hey, es geht um Märchen.

Schwer beeindruckt hat mich die Ausstattung der Serie, deren Macher sich sichtlich Mühe geben, das Thema anständig umzusetzen. Die Kulissen und Kostüme der Märchen-Szenen sind durchweg ordentlich, schmucke Panorama-Aufnahme versuchen, der Serie ein wenig Der-Herr-der-Ringe-Charme zu verpassen. So gar nicht gelungen ist dagegen der zum Glück seltene Einsatz von CGI-Effekten, die nur allzu deutlich nach TV-Produktion aussehen. Auch so manche Green-, Blue- oder Was-auch-immer-Screen-Aufnahmen sind unangenehm deutlich als solche zu erkennen. Einer Fernsehserie in der ersten Staffel kann ich das aber nachsehen. Trotz vereinzelter technischer Peinlichkeiten hält »Once Upon A Time« den Fremdschäm-Faktor entgegen meiner ersten Befürchtungen erfreulich gering.

Überhaupt ist es die Art und Weise, mit der die Macher den Stoff behandeln, die ich an »Once Upon A Time« mag. Den Autoren gelingt es gut genug, moderne Versionen der alten Märchen zu zimmern – etwa eine Adaption von Hänsel und Gretel mit drohender Adoption und einem leiblichen Vater, dem so gar nicht nach Sorgerecht ist. Eingebettet in den übergreifenden Handlungsrahmen aus den Story-Bögen in Storybrook und im Märchenwald funktioniert das Erzählkonzept von »Once Upon A Time« erstaunlich gut. Ich frage mich allerdings, wie lange es funktioniert. Die Drehbücher leben zu einem wesentlichen Teil von der Neuinterpretation bekannter Märchen – deren Anzahl mag üppig sein, unbegrenzt ist der Vorrat nicht. Zudem rauschten die Autoren in den ersten Folgen, als die Zukunft der Serie völlig offen war, dermaßen flink in der Storybrook-Handlung voran, das ab Folge 8 mächtig auf die Bremse getreten wird, und der Erzählfluss ins Trudeln gerät. 22 Folgen soll die erste Staffel nun lang werden. Ich wünsche der Serie, die das Thema weit weniger peinlich-kitschig angeht als »Grimm«, dass das Konzept trägt.

»Once Upon A Time« ist derzeit noch kein Must-See. »Once Upon A Time« ist keine Knaller-Serie, der ich Woche für Woche entgegenfiebere. »Once Upon A Time« bietet eine lieblich erzählte und nett inszenierte Geschichte, in der es menschelt, wie man so sagt. Reinfall oder kleiner Geheimtipp – innerhalb der nächsten 13 Folgen ist so ziemlich alles drin. Ich schau’s mir an.

Auf der offiziellen »Once Upon A Time«-Webseite gibt’s einige Infos und Bilder. Ein deutscher Sender hat sich für die Ausstrahlung offenbar noch nicht gefunden.

One Comment

  • avatar Angelika wrote:

    Hi, ich bin ein großer Fan der Serie. Mir haben die Folgen bis jetzt alle sehr gut gefallen. Eine deutsche Ausstrahlung wäre echte Spitzenklasse. Wobei das englisch ausnahmsweise gut zu verstehen ist. Nicht so ein Genuschel wie bei den meisten amerikanischen Serien. Die Serie hat echt Charme. Und die Märchenteile sind einfach mal was anderes. Daumen hoch!

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