Luther – Staffel I & II

Unter den Serien, die von der BBC produziert werden, sind ein paar ganz besondere Stücke. Von einer Serie habe ich just die zweite Staffel gesehen, es ist noch ein bisschen zu früh, um diese bereits an meinem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen.

Die zweite Staffel einer anderen Serie hingegen wurde im Sommer 2011 abgeschlossen, sie liegt also zeitlich weit genug zurück, als dass ich nicht völlig high von Actionsequenzen und umwerfenden Plots ein Resümee ziehen könnte. Wenn ich allerdings ein bisschen nachdenke… ich bin immer noch ein bisschen hin und weg. Es dreht sich um Luther von der BBC, mit Idris Elba in der titelgebenden Rolle des emotionalen, cholerischen, manisch besessenen und brillanten DCI John Luther.

Luther spielt in London und wird als ganz vortrefflich als “psychological crime drama” bezeichnet. In der ersten Staffel, bestehend aus sechs Folgen, beschäftigen sich Luther und seine Leute mit diversen skrupellosen Mördern. Unter anderem einem Irren, der es auf Polizisten abgesehen hat und sie reihenweise kalt macht. Neben den beruflichen Aufgaben, die an die Substanz gehen, muss sich John mit seinem Privatleben auseinandersetzen – nach einer mehrmonatigen Suspendierung und einem Nervenzusammenbruch, soll sich der Protagonist nicht nur in seinem Job zurechtfinden, sondern auch damit klarkommen, dass seine Frau Zoe mit einem anderen Mann schnackselt (übrigens der achte Doctor Paul McGann). Und als wäre das nicht genug, spielt Mörderin Alice Morgan (spröde und gleichzeitig sexy: Ruth Wilson), die John nicht überführen konnte – oder gar wollte – ein perfides Psychospiel und nimmt ganz erheblich auf das Privatleben des Protagonisten Einfluss.

Staffel 2 von Luther wurde in vier Folgen ausgestrahlt und zeigt im Grunde zwei Fälle – der erste dreht sich um einen Wahnsinnigen, der nicht nur nicht davor zurückschreckt, Luthers Partner DS Ripley (putzig: Warren Brown) zu entführen und zu foltern. Im zweiten Fall spielt ein ebenfalls nicht ganz richtig tickender Mörder ein widerliches Pen&Paper-Rollenspiel, das für die meisten Leute, die ihm über den Weg laufen, tödlich endet. Währenddessen setzt sich John mit einem Mädchen auseinander, das er aus dem Drogensumpf der Pornoindustrie rettet. Und wofür er einen hohen Preis zahlen muss… John lässt sich – wie schon aus der ersten Staffel gewohnt – von seinem persönlichen Gerechtigkeitsgefühl und seinem Gewissen leiten, und nicht von den Grenzen der Legalität aufhalten. Die Serie lässt sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen, man muss es halt mal gesehen haben. Als Warnung: Die ersten ein, zwei Folgen der ersten Staffel werden meiner Meinung nach vom Erzähltempo her nicht ganz dem intelligenten Psychothrillerkrimi gerecht, den ich zu schätzen gelernt habe.

Beide Staffeln haben meiner Meinung nach unterschiedliche Erzählansätze und ihren ganz eigenen Reiz. Während in der ersten Staffel das persönliche Trauma Luthers immer kurz außerhalb des Bewusstseins lauert, um kurz in die Szene zu springen und zu schreien “da bin ich wieder!”, und dann zu einem hochtraumatischen Höhepunkt zu führen, liegt der Fokus der zweiten Staffel noch viel mehr auf WTF-Momenten und eindringlichen Geschichten, die dafür sorgen, dass ich bis zur letzten Sekunde gefesselt bin. Wenn ich so drüber nachdenke: es ist ein bisschen wie in Breaking Bad, nur viel erheblicher auf das Wesentliche kondensiert – das ist wohl der Kürze der Staffeln geschuldet.

Wir begleiten Luther also auf seinem quälenden Weg durch seinen Job und sein Privatleben, und bei beidem merken wir, dass er das Ganze eigentlich nicht will. Er will nicht einer der Leitwölfe der Serienmördereinheit der Londoner Copper sein. Und er will sich nicht mit den Konsequenzen auseinandersetzen müssen, die seine Entscheidungen der Vergangenheit mit sich bringen. John läuft buchstäblich auf dem Zahnfleisch und ist ständig kurz vorm Aufgeben. Das Ventil für Johns Frust sind dann gewalttätige Aggressionen, die er an Türen, Büromöbeln und anderen Gegenständen auslebt. Luther schreit, flucht, prügelt – und bringt sich damit in Teufels Küche. Er bricht das Gesetz, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Idris Elba spielt diesen kaputten Typen äußerst eindringlich. Wirkt im einen Moment wie ein brutales Monster, und im nächsten wie ein verletztes Lämmchen. Man sieht John die Gewissenbisse und den inneren Konflikt an, und auch, dass er darauf keine Lust hat. Luther kommt mit den Herausforderungen seines Berufs nicht klar – überschreitet seine Kompetenzen ein ums andere Mal. Luther kann aber auch nicht ohne, denn er ist manisch besessen von seinem Job und nimmt in Kauf, dass er sich und sein Umfeld kontinuierlich zerstört.

Ein zweiter Punkt, der Luther extrem von den massenkompatiblen US-Krimiserien unterscheidet, sind die Geschichten, die die Autoren den Charakteren auf den Leib schreiben. Es macht den Anschein, als pfiffe Autor Neil Cross auf Anstand und Sitte. Stattdessen gibt es ein Gewaltbad nach dem nächsten. Es beginnt schon mit der ersten Szene der ersten Folge; Luthers Erlebnisse vor seiner Suspendierung. Ein Mann im Anzug wird von einer zwielichtigen Gestalt gejagt. Doch der Jäger ist nicht der Böse, es ist Luther, der auf einem verlassenen Fabrikgelände einem Pädophilen und Mörder hinterher hastet. Der Gejagte stolpert, fällt, fast, in den tiefen Abgrund. Luther könnte ihn sterben lassen, er ist ganz allein, keiner würde es erfahren. Er könnte ihn auch retten – doch will er das? Bevor er die Entscheidung trifft, greift er sich den Kerl, bringt in Erfahrung wo das letzte Opfer ist. Einen Moment ist man willens zu glauben, John rettet den Mann. Bis er ihn fallen lässt.

Luther bietet Fälle, die politisch nicht ganz korrekt sind. Schon erwähnt habe ich den Polizistenmörder, den folternden Kindesentführer, den Irren, der mit Hammer, Messer, Pistole und anderem Werkzeug in der Tasche durch Londons Straßen zieht, einen Würfel zückt und so festlegt, wie viele Menschen er mit welcher Waffe erledigt. Es sind eindringliche Fälle, vor denen man die Augen verschließen will. Doch so absurd sie scheinen… in einer Welt wie der unsrigen, scheinen sie doch gar nicht so abwegig zu sein. Alles ist möglich. Möglichst brutal. Das mag den einen oder anderen vor der Mattscheibe abschrecken.

Ein einziges Manko der Serie ist in meinen Augen die Art und Weise, wie die Fälle gelöst werden. Luther wird als brillanter Mann dargestellt, der oft den entscheidenden Hinweis auf den Täter gibt. Allerdings ist mir oft nicht ersichtlich, warum Luther ausgerechnet diese eine Idee hatte, die ihn zum Killer führt. In Luther wird nicht viel erklärt. Nicht die Ansatzpunkte der Ermittler. Nicht der Grund hinter den Psychospielchen mit den Verdächtigen. Das ist ein bisschen schade, die Serie wäre noch viel faszinierender, hätte sie ein aufklärendes Element wie Sherlock. Allerdings stände dann zu befürchten, dass sich Luther zum zweiten Holmes entwickeln würde. John Luther bleibt besser John Luther.

Ich mag Luther, weil die Geschichten schockieren wie faszinieren. Ich freue mich auf die dritte Staffel. Auf das ungläubige Entsetzen angesichts der kaputten Psychopathen, mit denen sich Luther auseinandersetzen muss; er, der er doch selbst soziopathische Züge annimmt. Ich warte eigentlich nur darauf, dass er die Grenze überschreitet und nicht mehr das Glück auf seiner Seite hat, das ihn im letzten Moment wieder zu den Guten zurückzieht. Wer sich Luther anschauen will, der freut sich auf den 12. Februar 2012. Das ZDF hat sich die deutschen Rechte an der Ausstrahlung der zweiten Staffel gesichert. Aber wenn wir mal ehrlich sind: das britische Original ist immer noch am besten, auch wenn Elbas Dialekt in manchen Szenen etwas schwer verständlich ist.

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