Die Krise
In meiner Jugendzeit … ist ein Texteinstieg, den man Kerlen in meinem Alter verbieten sollte. Aber er klingt so retrospektiv, er verspricht tiefsinnige Weisheiten und … ich schweife ab.
In meiner Jugendzeit jedenfalls, da brachte ich noch nahezu jedes angefangene Spiel zu Ende. Selbst so eine vermaledeite Simpsons-Lizenz-Krücke für den C64, deren Name mir ohne Mobygames nicht mehr eingefallen wäre, und wegen der mehrfach Teile meiner Competition-Pro-Sammlung Bekanntschaft mit der Kinderzimmerwand machten und wegen der ich wiederholt versuchte, mit stimmbrüchlicher Verzweiflung meinen Unmut in den Hausflur zu krächzen.
Inzwischen ist das anders. Sollte die Summe der — privat — beendeten Spiele der letzten drei Jahre zweistellig werden, ich wäre überrascht. Mir fehlt schlicht der Ehrgeiz. Meine Hemmschwelle, Spiele wegen Nichtigkeiten oder zu langer Spieldauer (mein jüngeres Ich rollt gerade genervt mit den Augen) in die Ecke zu legen, ist derart niedrig … dass mir nicht einmal ein schmissiger Vergleich einfällt. Nur hin und wieder keimt er noch vorsichtig auf, dieser Wunsch, alles zu erreichen. Und wenn der keimt, tue ich die seltsamsten Dinge. So ertappe ich mich beispielsweise dabei, Spiele mittlerweile bevorzugt für die Xbox 360 (deren Menüführung ich nicht ausstehen kann) als für die PS3 zu kaufen. Es könnten ja ein paar Pünktchen für meinen Gamerscore herausspringen (der mir eigentlich am Allerwertesten vorbeiscored).
Früher habe ich auch ganze Nächte durchgespielt. Heute drohe ich oft genug bereits nach einer leidlich angeknapsten Nacht dergestalt vom Stuhl zu fallen, dass man mich Augen- und Ohrenzeugen zufolge für tot erklären würde — täte ich nicht schnarchen wie einer, der … ziemlich laut schnarcht.
Woran liegt’s also? Berufsbedingte Zockermüdung? Meine gesammelten WoW-Spielstunden bezeugen das Gegenteil. Ist es die Reife des Alters, die angesichts dieser ganzen „immersive-jaw-dropping-grippingly-unprecedented“ Action-Hammer-Mega-Kracher von heute die Krise kriegt? Zweifelhaft, da ich selbst mit dem stumpfen Gears of War durchaus meinen Spaß hatte.
Es gibt nur eine Antwort: die Gaming-Midlife-Crisis. Das ist der Lebensabschnitt, in dem man begeistert Puzzle Quest spielt und sich von jüngeren Kollegen fragen lassen muss, warum man eigentlich als Spieleredakteur arbeitet. In dem man mit Kauf und Download von Spielen auf Steam mehr Zeit verbringt als mit den Spielen selbst. Das ist jener Lebensabschnitt, in dem man sich einredet, zocken auf dem iPhone wäre so hip, dass die ganzen Typen mit ihren PSPs und Nintendo DS(wahlweise I)s vor Neid erblassen.
Aber ich bin nicht alleine. Viele leiden ebenso. Die reden sich dann ein, es wäre völlig normal, zig Stunden mit Bejeweled Blitz auf Facebook zu verbringen — spielerisch so anspruchsvoll wie Fingernägelschneiden. Oder sie widmen sich dem auch für die Geriatrie bestens geeigneten dem Clancy Tom sein EndWar.
Ich jedenfalls will raus aus dem Teufelskreis. Den nächsten Spiele-Neuerwerb spiele ich durch. Komme was wolle.
Bis dahin ignoriere ich weiter Metal Gear Solid 4, von dessen Ende mich nur noch geschätzt eine Stunde Spielzeit und drei Stunden Zwischensequenzen trennen. Aber das Gejammer über interaktive Spielfilme hebe ich mir für einen anderen Eintrag auf.

